Siegen
aww ♦ Nun ist er also da gewesen, der große alte Mann der Rockorgel. Mit seiner B3, der Hammond mit den „beautiful legs“ (schönen Beinen), wie Jon Lord am Vorabend seines Siegener Auftritts am Rande der Probe scherzte. Der ästhetischen Qualitäten jener Beine wird sich mancher der weiter hinten sitzenden Konzertbesucher in der Siegerlandhalle vermutlich eher nicht versichert haben können, wohl aber der herrlichen Stimme des Instruments.
Der Ex-Deep-Purple-Keyboarder war gekommen, um sein vor 40 Jahren in London uraufgeführtes „Concerto For Group And Orchestra“ (wir berichteten im Vorfeld ausführlich) auf die Siegener Bühne zu bringen. Ein Ereignis, das auch überregional auf großes Publikumsinteresse stieß. Rund 1900 Musikfans aus allen Himmelsrichtungen tummelten sich am Freitagabend im voll besetzten Saal, um dieses (auch heute noch) spannende Zusammentreffen von Rockband und Sinfonieorchester live und in Farbe mitzuerleben.
Jon Lord (der im Übrigen einen ebenso sympathischen wie humorvollen Conférencier abgab) zur Seite standen bei seiner Unternehmung zwei musikalische Aushängeschilder unserer Region, deren Namen für Qualität bürgen: die Deep-Purple-Tribute-Band Demon’s Eye und die Philharmonie Südwestfalen unter der Leitung von Chefdirigent Russell N. Harris. Freilich war allein diese dreifache Zusammenkunft – wenigstens für die heimischen Besucher – eine spannende Angelegenheit. Würde es funktionieren? Die Antwort ist mit einem Wort gegeben: Ja!
Beim dreisätzigen Lord-„Concerto“, das die erste Konzerthälfte ausmachte, ließen sich Band und Orchester in bestem Miteinander und auch Gegeneinander (was freilich Teil des Konzepts ist) hören, spielerisch kamen beide Klangkörper jedenfalls sehr schön zusammen, der eine wie der andere absolvierte souverän und gekonnt seinen jeweiligen Part. Die Lautstärke hielt sich angenehm in Grenzen, die Abmischung war transparent, so dass größtenteils die Möglichkeit differenzierter Wahrnehmung gegeben war.
Mit feinen Soli gefiel nicht nur Jon Lord, der, etwa in der Kadenz des Andante, weniger den virtuosen Aspekt als vielmehr Klangfarben und Dynamik in den Vordergrund stellte. Gitarrist Mark Zyk glänzte mit starker Saitenakrobatik im Blackmore-Stil und lieferte schon hier einen kleinen Vorgeschmack auf das, was bei der zweiten und letzten Zugabe, „Child In Time“, noch kommen sollte. Dreifachen Szenenapplaus holte sich Drummer Andree Schneider für sein klasse Solo im dritten „Concerto“-Satz, Vivace – Presto, ab. Gefühlvoll gelang Bernd Martin sein Gesangspart im langsamen Mittelsatz, den teilweise Jon-Lord-Sängerin Kasia Laska zu einem feinen Duett ergänzte. Und auch im Orchester flitzten gewaltig die Finger: Im schnellen Finale hatten die Musiker alle Hände voll zu tun. Aber, wie wir wissen: Sie haben es ja drauf.
Für ein solides Fundament in der Band sorgte Basser Maik Keller, und Andreas König, Keyboarder von Demon’s Eye, agierte nach der Pause als zweiter Tastenmann bei drei Stücken, nämlich den altbekannten „Bourée“ und „Gigue“ vom 1976er-Lord-Soloalbum „Sarabande“ sowie dem „Telemann Experiment“ von „Beyond The Notes“ (2004). Kontrastiert wurden diese etwas opulenteren Werke von den wunderschönen Balladen, „The Sun Will Shine Again“ und „Wait A While“, die Kasia Laskas klaren, zarten Sopran gut in Szene setzten, sowie von der, so Lord, „Autobiografie in Musik und Worten“, „Pictured Within“ vom gleichnamigen Album (1998), die nicht nur von einem feinen Solocello, sondern auch von Bernd Martins gelungener, am Originalsänger Miller Anderson orientierter Interpretation gekrönt wurde.
So logisch die Orchesterbeteiligung bei alledem schien, so beeindruckend war das mitnichten selbstverständliche organische Sich-Einfügen der Philharmoniker bei den Deep-Purple-Titeln. Auch das passte! „Pictures Of Home“ ging ordentlich ab, „Soldier Of Fortune“ berührte, und „Child In Time“ tat beides – hier war natürlich die Orgel Pflicht, von der sich Lord im zweiten Konzertteil lange zugunsten des Flügels abgewendet hatte. Viel Jubilieren bei den Fans, das der 68-jährige Engländer sichtlich bewegt und dankbar entgegennahm.
Nun sind sie also da gewesen, Jon Lord und die Hammond. Was von ihnen bleibt, sind große, nachwirkende Eindrücke …